Obstkampagnenresümee 2008 mit dicker, fetter Entschuldigung

von: waladmin am 19.11.2008, 15:08 Uhr in Die Kelterei,Unsere Kunden,Unsere Mitarbeiter

Für dieses Jahr hat die Obstpresse ihre Dienste getan. Es war seit langem mal wieder ein sehr obstreicher Herbst – bis auf die Birnen. Die letzte Ernte diesen Ausmaßes hatten wir in Sachsen im Jahr 2000. Ich erinnere mich ungern daran, denn damals gab es zwei große Probleme. Erstens: Wir waren nach zwei oder drei Wochen voll und mußten sogar einen Tag schließen, weil nichts mehr ging. Das führte zu wüsten Beschimpfungen von Seiten der meisten Kunden bzw. Obstlieferanten, die dafür keinerlei Verständnis hatten. Sogar Prügel wurde angedroht usw. Nun ja…

Das zweite Problem war, daß in Deutschland keinerlei Glasflaschen (VdF-Flaschen) mehr aufzutreiben waren, weil in allen Regionen Deutschlands Obstüberschuß zu vermelden war und die Glasindustrie nicht mehr hinterherkam. Das muß man sich mal vorstellen: Das Lager proppevoll mit Äpfeln und Saft in den Lagertanks und das Flaschenlager wie ausgekehrt. Das war schon schlimm und man redete sich den Mund fusslig. In diesem Jahr sind wir gerade so an einer “Nichtmehrlieferfähigkeit” vorbei geschlittert, weil unser Saftboxbeutellieferant auch etwas überfordert war mit den Unmengen an Saft, die dieses Jahr abgefüllt werden mußten.

Und so gab es auch in diesem Jahr einige Beschwerden. Äpfeltechnisch haben wir alles unterbringen können, aber auch nur, weil ein anderer Fruchtsafthersteller uns unter die Arme greifen konnte. Er hat unseren Saft in seinem Tanklager unterbringen können und auch einige Äpfel verpresst. Diesen Saft rufen wir dann dort wieder ab – bis zur nächsten Ernte. Die Beschwerden gab es in erster Linie wegen der Quitten. Da es davon auch ganz viele gab hier in Sachsen, hatten wir nach zwei Wochen die Menge drin, die wir benötigen um den Quittensaftbedarf übers Jahr decken zu können. In diesem Fall ist es allerdings nicht so einfach woanders pressen oder einlagern zu lassen. Denn Quitte ist eine Spezialität. Diese großen, harten Früchte kann nicht jeder pressen und Überbestände abverkaufen kann man auch nicht, weil sehr wenige Hersteller Quittensaft anbieten. So mußten wir in diesem Jahr relativ zeitig mit der Quittenannahme aufhören. Und es ist natürlich ein riesiges Problem, weil man es nicht so ohne weiteres public machen kann, wenn jemand schon bei uns vor dem Tor steht mit einem Kofferraum voller Quitten. Da flogen viele böse Worte. Da war viel Unverständnis. Es gab sogar einen bösen Leserbrief an die Sächsische Zeitung, nachdem diese uns den Gefallen tat, darauf hinzuweisen, daß die Leute ihre Äpfel noch etwas hängen lassen sollen, damit wir alles verarbeiten können.

Die Walthers Mitarbeiter an Obstwaage und im Lagerverkauf haben sich sicher auch nicht immer richtig verhalten. Dafür möchte ich mich entschuldigen. Es ist halt so, daß man für Jobs, wo man am Tag Unmengen von Äpfelsäcken hin- und herschleppt – manchmal insgesamt über 50 Tonnen am Tag – nicht gerade Kommunikationstalente gewinnen kann. Das ist trotzdem keine Entschuldigung, aber es ist halt nicht immer einfach. Bevor ich die Kelterei übernommen habe, hab ich diese Arbeiten auch gemacht und ich kann nur sagen, man braucht manchmal ein übermenschliches Nervenkostüm.

Aber wie gesagt… Der Kunde ist und bleibt König – in diesem Fall zwar mehr Lieferant aber nun ja. Ich möchte mich in aller Form entschuldigen, wenn sich jemand unfreundlich behandelt fühlte. Wir werden versuchen, das zu verbessern im nächsten Jahr. Wofür ich mich nicht entschuldigen kann oder möchte, ist die Sache mit den Lagerkapazitäten. Wir tun, was wir können. Und ich glaube, niemand kann verlangen, daß wir riesige Investitionen tätigen, die wir nur aller 8 – 10 Jahre auch nutzen müssen. Also zum Beispiel ein neues Tanklager bauen usw. Die Natur ist ein Ding, welches der Mensch gottseidank noch nicht vollumfänglich beeinflußen kann. Niemand weiß genau, wie die Ernten werden. Vielleicht erinnern sich einige Leser an einen vergangenen Eintrag, als der Fruchtsaftverband in der Öffentlichkeit bekannt gab, daß es eine unterdurchschnittliche Ernte wir in 2008. Und nun? Nun müssen sich manche größere Hersteller auf unangenehme Preisnachverhandlungen einlassen, weil die Einkäufer großer Lebensmittelketten natürlich genau wissen, daß die Preise nach unten gehen, wenn es zu viel Obst gibt. Und anderen Herstellern wurde sogar Insolvenz angedichtet, weil sie kurzfristig die Lager voll hatten.

Alles in allem sind wir aber sehr zufrieden und ich muß mich an dieser Stelle nochmal ganz ganz besonders bei allen Walthers-Mitstreitern bedanken. Denn obwohl wir in über 80 Jahren noch nie mehr Obst verarbeitet haben (ca. 1700 Tonnen), wie in diesem Jahr, gab es so gut wie keine Probleme oder übermäßiges Durcheinander. Besonders bei meinem Bruder Jens, der mit seinem Team hinten in der Produktion einen Super-Job gemacht hat – Nachtschichten schob – alles perfekt koordinierte – wir haben es schließlich mit frischem Obst zu tun. Besonderen Dank auch an Frau Hentschel – eigentlich unsere Buchhaltung – die aber nebenher ‘zig Obstcontainer organisieren mußte usw. Eine unglaubliche Leistung, die in dieser Obstsaison gebracht wurde. An die Fahrer, an die Männers an der Obstwaage, die das Wort Öffnungszeit bis 20 Uhr nicht mehr hören konnten, wenn sie 21 Uhr immer noch da oben standen, weil die Schlange so lang war – einfach an alle!

DANKESCHÖN!





Kommentare

6 Kommentare
  1. Ralf Lippold 19. November 2008, 14:38

    Ich freu’ mich schon auf den Saft wenn wieder in Dresden angekommen.

    Als Kunde und Lieferant übersieht man allzuoft, was da alles im Hintergrund läuft in kurzer Zeit (Erntezeit).

    Dank an alle und den super-leckeren Saft in der genialen 3-l-Verpackung (die übrigens nicht tropf, man glaubt es kaum;-)).

    Gruß

    Ralf

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  2. Doc Sarah 20. November 2008, 11:19

    das nenn ich mal gelungene hintergrund information! danke für die einblicke ! jetzt kann sich doch wohl niemand mehr beschweren, oder?!

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  3. Gast 20. November 2008, 16:25

    Ihr habt einen echt guten Job gemacht! Macht weiter so und lasst euch nicht unterkriegen… es läuft nie bei jedem alles perfekt, hauptsache das Ergebnis stimmt! 😉

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  4. Stephan 14. Dezember 2008, 09:14

    Das mit den Glasflaschen geisterte schon beim Wein letztes Jahr dick und breit durch die Medien. Letztes Jahr gab es mehr Wein als Weinflaschen. Viele Winzer hatten da Probleme, Flaschen aufzutreiben.

    Schuld daran ist auch die Konzentration bei den Glashütten. Ich glaube dort gibt es nur noch sehr wenige, so dass man wohl fast von Oligopol sprechen kann.

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  5. Mario 16. Dezember 2008, 09:51

    Ehrlich, offen und gut.
    Ich ziehe mal ähnliche Rückschlüsse auf eure Produkte 😉

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  6. Katastrophale Apfelernte 2010 und Hilferuf « Kelterei Walther – gesunde Obstsäfte seit 1927 7. Oktober 2010, 19:00

    […] Äpfel. Nun ist es ja leider unmöglich, daß die Natur sich da so anpasst. 2008 zum Beispiel gab es zu viele Äpfel – 2009 eher durchschnittlich – ein bißchen zu wenig. Aber durch den Überschuß aus […]


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