Es war einmal…
von: Kirstin Walther am 28.07.2011, 11:26 Uhr in Die Kelterei,Öffentlichkeit
… und es hat zwar mit einem aktuellen Ereignis bzw. einer Presseveröffentlichung zu tun, aber da ich niemandem auf die Füße treten möchte, sowas nicht zum ersten Mal vorkommt, nur noch nie so extrem und ich in diesem Fall ein bißchen Mitschuld trage, schreib ich das mal ganz allgemein. Ich hoffe, es ist Euch nicht zu lang und zu emotional, aber als ich die betreffende Schlagzeile las, bin ich fast in Ohnmacht gefallen und muß das jetzt endlich mal für immer richtig stellen, wegen des übergelaufenen Fasses. Also:
Falls Ihr irgendwo mal gelesen habt, daß Social Media oder das Bloggen oder das Facebooken uns vor der Pleite gerettet hätten – ES STIMMT NICHT!
Im aktuellen Fall ist es sogar besonders schlimm, weil dort in der Überschrift steht, daß Facebook bei uns die Pleite verhindert hätte. Ebenfalls steht drin, daß wir seit 2009 bei Facebook sind. Und prompt hatte ich ne Nachricht im Kasten, daß der Artikel so klingt, als ob wir 2009 pleite waren. Versteht Ihr? Das kann zum Beispiel bei Bankgesprächen recht seltsame Fragen aufwerfen oder auch bei neuen größeren Kunden, die bei Lieferanten auf Verläßlichkeit und finanzielle Gesundheit achten. Mal ganz zu schweigen von den Menschen, die uns damals unterstützt haben oder meine Familie, die mich jedes Mal mit fragenden Augen ankuckt, wenn sie doch so einen Artikel findet, obwohl ich ihn versteckt hatte.
Für die von Euch, die weder Lust noch Zeit haben, solche langen Texte zu lesen, hier die Kurzform:
- 2003/2004 übernahm ich die Firma und sie wurde mit Hilfe von Menschen und Banken saniert
- 2004/2005 brachten uns Kunden die Idee mit der Saftbox, die Umsätze stiegen wieder und wir waren aus dem Schneider
- 2006 begannen wir mit Social Media (Saftblog) 2007/2008 Twitter und 2009 (!) folgte Facebook
Wie kommt es nun zu solchen Meldungen? Oder besser: Ich fang mal ganz vorn an und geh auf diese Frage ganz zum Schluß ein:
Ja, als ich die Firma zwischen 2003 und 2004 von meinen Eltern übernahm, war sie in einem sehr desolaten Zustand. Das lag vorallem daran, weil nach der Wende zu kräftig investiert wurde und zu wenig Erfahrung da war, weil man sich zu Ostzeiten keinerlei Gedanken über Marketing bzw. Vertrieb machen mußte, weil Mangelwirtschaft in der DDR herrschte. Zum Zeitpunkt als diese Entscheidungen getroffen wurden, war ich (noch) nicht hier, sondern in Stuttgart und habe Sonnenschutz- und Lüftungsanlagen für Industriebauten projektiert. Die Kelterei war damals als Gebäude quasi eine Erweiterung des Wohnhauses meiner Großeltern mitten in einer kleinen Wohnsiedlung am Rande von Arnsdorf. Das bedeutete zum Beispiel, daß wir als Kinder in den Ferien immer Postkarten an unsere Kunden schreiben mußten, daß jetzt Saft zum Abholen vorrätig ist, weil wir so ein kleines Lager hatten.
So lag es nahe, daß man mit Erschließung von Gewerbegebieten an allen Ecken und Enden, entsprechenden Kredit- und Förderangeboten nach der Wende an Neubau dachte, weil in der alten Kelterei erweiterungstechnisch nichts mehr ging und sich ja alles änderte, mit Einkehr der freien Marktwirtschaft und des plötzlichen Überflusses an Konsumgütern. Das führte – vermutlich nicht nur bei uns – zu Überschuldungen kombiniert mit keinerlei Erfahrung und bis dahin auch keinerlei Erfordernissen (wegen getätigter Investitionen) an höheren und stetig steigenden Umsätzen zu arbeiten. Ich glaube, daß auch die Banken und wer auch immer außerdem mit diesen Entscheidungen zu tun hatte, im Nachhinein sicher nicht immer glücklich waren mit dieser Risikobereitschaft nach der Wiedervereinigung.
Ich kam Ende 1994 aus Stuttgart zurück – da war die neue Kelterei im Bau und 1995 im Sommer war dann Eröffnung. Von Anfang an gab es Probleme, weil wir den Kapitaldienst (Kredite) nur unter schwierigsten Bedingungen bedienen konnten, weil die Umsätze nicht so schnell erhöht werden konnten und Dinge versäumt wurden. Ich weiß noch, daß Karolin (meine Schwägerin) mit dem Hundefänger in Dresden rumfuhr und Saft verkaufte usw. Es wurde wirklich unternommen, was man konnte, aber man hatte ja wirklich wenig Erfahrung in diesem Bereich. Mein Vater versuchte Streuobstwiesenprojekte auf die Beine zu stellen, ließ die Kelterei als erste in Sachsen biozertifizieren und vieles mehr – aber es reichte nicht. Weitere Schulden wurden gemacht um weiter existieren zu können. In dem Zusammenhang muß ich auch immer an Griechenland denken, weil ich aus eigener Erfahrung weiß, daß es nicht gut ist Schulden mit Schulden zu verringern. Aber mit Politik kenne ich mich nicht besonders gut aus und es geht auch um was anderes gerade.
Jedenfalls war es im Jahr 2003 dann so, daß nicht nur meine Eltern sondern auch schon mein großer Bruder und ich mit Bürgschaften in schwindelerregenden Höhen (jeder ne Viertel Million ungefähr, meine Eltern ein vielfaches) belastet waren, um den Geschäftsbetrieb weiterführen zu können. Etliche Unternehmensberater waren bis zu diesem Zeitpunkt schon bei uns gewesen – meistens beauftragt von den Banken, die um ihr Geld fürchteten. Und es wurde nicht besser. Das Hauptproblem war, daß die Preise, die wir hätten erzielen müssen, um unsere Kosten zu decken, einfach nicht erzielbar waren am Markt und das andere Problem war, daß zu diesem Zeitpunkt schon viele Wettbewerber da waren, die viel günstiger anbieten konnten. So gab es irgendwann nur noch zwei Möglichkeiten: Insolvenz, mit entsprechenden Auswirkungen auf meine Familie und mich, allerdings wäre ein Neuanfang eventuell möglich gewesen oder Gespräche mit den Banken mit dem Ziel Teile der Kredite erlassen zu bekommen, um weiterhin existieren zu können. Wir sprachen monatelang mit den Banken und die zweite Variante sollte Erfolg haben.
Aber fragt bitte nicht nach Sonnenschein. Erst seit dieser Zeit wußte ich, was Existenzängste wirklich sind, weil lange Zeit unklar war, wie die Banken entscheiden werden. Mit Hilfe eines Unternehmensberaters und des besten Steuerberaters auf der ganzen Welt nahm ich das auf meine Kappe, weil ich dachte: Ich probiers einfach, ob wir nun ein halbes Jahr früher oder später in Insolvenz gehen, ist auch egal und ob ich eine Viertel Million Schulden habe oder eine Ganze, spielt auch nicht wirklich eine Rolle, weil beides nicht zurückzuzahlen geht in einem normalen Menschenleben. Ich will damit sagen – ich hätte eigentlich nicht viel verschlimmern können. Und auch, weil ich wußte, wie belastend und schwierig diese Situation für meine Eltern war. Ich kaufte die Firma und somit die verbliebenen Schulden meiner Familie. Das war die Zeit in der ich nur mit den übelsten Fernsehprogrammen einschlafen konnte, weil ich immer Angst hatte, daß wir das nicht schaffen und alles verlieren. Vorallem für meine Eltern hätte ich das ganz schlimm gefunden und fühlte mich dafür verantwortlich. Es erscheint mir heute immer noch wie ein Wunder, daß es uns jetzt so gut geht und schlafen geht wieder besser. Manchmal glaub ich, daß es zwar schlimm aber trotzdem ganz gut war, durch so eine Zeit zu gehen, weil man dadurch besonnener ist bei schwierigeren Entscheidungen oder welchen, die große Risiken bergen.
Ende 2004 war die Sanierung dann auch formell abgeschlossen und wir fingen quasi nochmal von vorne an. Spezialisierung auf die heimischen Früchte, denn alle Regale waren voll mit Orangensaft und Multivitaminsäften, die nach der Wende extrem nachgefragt wurden, weil es sowas im Osten nicht gab, aber Spezialitäten von früher waren aus den Supermärkten verschwunden und aber wieder gewünscht. Und Konzentration auf Direktmarketing mit verschiedensten Versuchen und viel Ausprobieren.
Zwei ganz wichtige Dinge führten wir weiter, denn mein Vater hat schon immer gewußt, daß man sich spezialisieren sollte und daß das Internet Zukunft hat. Das führte dazu, daß wir bereits Ende der Neunziger Gesundheitssäfte wie Aronia, Sanddorn und Topinambur im Portfolio hatten und seit dem Jahr 2000 schon einen Internetshop – allerdings nur für Kunden aus dem Umland Dresden! Und ja, man kann mit Ideen leider auch zu früh sein, denke ich heute. Und dazu kam, daß er in der damaligen Zeit eben zu wenig Handlungsspielraum hatte, weil das Geld immer mehr als knapp war.
Dann passierten mehrere wichtige Dinge – irgendwann in 2004 – aber nagelt mich bitte nicht fest. Jedenfalls war es vor Sommer 2005 und BEVOR wir anfingen Social Media Gedöns auszuprobieren:
Wir erhielten eines glücklichen Tages eine Mail von einem Herrn aus Wilhelmshaven, der unseren lokalen Dinosaurier-Onlineshop irgendwie gefunden hatte und er fragte uns, ob wir unseren Aronianektar (damals hielten wir reinen Aroniasaft für unverkäuflich) auch nach Wilhelmshaven schicken könnten – er bräuchte 10 Liter im Monat. Wir wollten ihm natürlich gern den Nektar schicken, hatten aber zu dem Zeitpunkt nur Glaspfandflaschen und dann auch in 0,7 Liter Größe, die er “im Westen” nur schwer hätte irgendwo abgeben können. Mal ganz davon abgesehen, ob Glasflaschen heil angekommen wären in einem Postpaket.
Kurz bevor diese Mail kam, hatten uns schon zwei verschiedene Leute auf diese Boxen angesprochen. Das eine war ein Obstbauer, für den wir Obst pressten und unter seinem Label in Flaschen abfüllten. Er brachte uns damals so eine 10 Liter Schachtel vorbei und sagte, daß das doch interessant sein könnte, wenn das wirklich funktioniert mit der langen Haltbarkeit. Schon damals zeichnete sich am Markt ab, daß Mehrweg stagniert und nur Einwegverpackungen Zuwachs hatten. Die andere Person war einer unserer 30 Internetkunden. Er schrieb mir eine Mail, daß er bei Jacques’ Wein-Depot in Dresden so Saftschachteln gesehen hätte, die er toll fand. Das Einzige was er doof fand, war die österreichische Herkunft, weil er meinte, daß in Dresden doch lieber sächsische Säfte verkauft werden sollten.
Und so kam es, daß wir dem Kunden in Wilhelmshaven per Email davon erzählten, daß wir wahrscheinlich eine neue Verpackung testen werden, wo gleich 10 Liter Aronianektar auf einmal reinpassen, er vergnüglich und ohne Sorge ein Glas nach dem anderen zapfen kann und diese Verpackung auch nicht kaputt gehen kann auf dem Postweg. Es war ein langer Mailverkehr, denn die Saftbox ist extrem erklärungsbedürftig. Nach noch mehr Mails, die sich auch immer um das Wetter in Wilhemshaven und bei uns drehten (auch das ist mir eine Lehre geblieben), willigte er ein, als Versuchskaninchen herzuhalten. (Mit der Lehre meine ich, daß man fast immer über ganz gewöhnliche Themen zueinander findet und nicht über knallharte Verkaufsgespräche.)
So begann alles. Die ersten Testboxen füllte mein Bruder mit der Hand ab und das mit der langen Haltbarkeit funktionierte. So standen wir irgendwann vor der Entscheidung einen Handabfüller anzuschaffen, weil der oben erwähnte Obstbauer davon überzeugt war, daß seine Kunden das wollten. Es tut nicht viel zur Sache, aber ich erzähle es so gern: Es gab also diese zwei potentiellen Kunden – den Obstbauern mit einer erstmal sehr übersichtlichen Anzahl von Saftboxen und den einen Herrn in Wilhelmshaven mit 12 Stück pro Jahr.
Ihr könnt Euch nicht vorstellen, wie schwer die Entscheidung für uns war eine Maschine im Wert von 3500,– Euro anzuschaffen. Wir waren zwar saniert, aber die Umsätze waren ja noch auf diesem niedrigen Niveau. Und wir hatten nicht mal eine klitzekleine Idee davon, daß diese Verpackung einmal so wichtig für uns sein wird. Eher im Gegenteil. Aber wir kauften die Maschine voller Sorge.
Der nächste Gang war dann zu Jacques Wein-Depot in Dresden, um mal zu kucken, was die Österreicher dort verkauften. Wir kamen ins Gespräch mit dem Depotleiter und waren sehr verduzt, als wir erfuhren, daß Weine in diesen Boxen richtig gut verkauft werden. Wir fragten ihn, ob er Lust hätte, unsere Säfte in einer 5 Liter Variante auszuprobieren und er willigte ein. Und was soll ich sagen: Er war dermaßen zufrieden mit dem Abverkauf und der Qualität unseres Saftes, daß er seinen ca. 200 Kollegen davon erzählte, die auch Wein-Depots in ganz Deutschland haben.
Und jetzt stellt Euch vor: Nicht lange danach gab es einen Tag X hier in der Kelterei, als zum allerersten Mal ein LKW, der NICHT uns gehörte, sondern einer Spedition, die durchs ganze Land fährt, voll bepackt mit UNSEREN Saftboxen vom Grundstück fuhr, um sie in ganz Deutschland zu verteilen. UNGLAUBLICH! Es sei nur am Rande erwähnt, daß dieser LKW schon nach einer Stunde wieder bei uns war, weil wir bis dahin noch nie komplette Paletten mit Saftboxen verschnürrt hatten und somit die ganze Ladung umgekippt war. Mit einer neuen Verpackung war auch viel Neues zu lernen und ohne die Genialität meines großen Bruders, der Erfahrung meines Vaters und des großen Verständnisses unserer Kunden wären wir bestimmt daran gescheitert, weil es am Anfang sehr viele Probleme gab.
Dann kam als nächster großer Kunde der Konsum Dresden mit 40 Filialen und schon einer eigenen Walthers Saftbox. Bei den Jacques verwendeten wir am Anfang grüne Standardschachteln mit häßlichen Thermoetiketten, weil wir uns eigene einfach noch nicht leisten konnten. Konsum Dresden hat allerdings auch nur geklappt, weil der Vorstand, Herr Ulke, experimentierfreudiger war, als seine Einkäufer. Man stelle sich vor: 5 Liter Saftbotten, teuer, von denen fast keiner wußte, wie das funktioniert mit der Haltbarkeit usw. Aber es funktionierte! Mit Promotions in den Märkten, Pressearbeit und Direktmarketing.
Ja, so begann das alles und heute verkaufen wir fast 80 % unserer Säfte in Saftboxen und die Umsätze haben sich seitdem verdreifacht! Die Kunden, denen wir zuhörten, die Saftbox und die Aroniabeere – das sind die Dinge, die uns den Hintern retteten, weil ich mir sicher bin, daß es extrem schwer geworden wäre, sich trotz Sanierung mit Mehrwegflaschen zu positionieren. Die Box kam von unseren Kunden und die Aroniabeere auch ein bißchen, denn wie gesagt war mein Vater zu früh und kurz bevor uns unsere Kunden die Saftbox brachten, waren sie es auch, die uns daran erinnerten, was für eine besondere Beere wir da verarbeiten. Nach der Sanierung oder auch im Zuge dessen, waren wir nämlich kurz davor, den Aronianektar aus dem Sortiment zu schmeißen, weil er einfach nicht verkauft wurde. Ich schreib es auch ein bißchen der Entwicklung des Internets zu, denn auch unsere Kunden konnten sich ja immer besser informieren über solche Dinge.
Nun nochmal kurz zum Thema Social Media. Ja, es war auch im Frühjahr 2004, als wir durch Martin Roell zum ersten Mal von Businessblogs hörten. Aber da ich immer ein bißchen langsam bin, begannen wir erst im Januar 2006 mit dem Bloggen, als wir mit der Firma schon aus dem Schneider waren.
Natürlich wurden wir schnell bekannter, konnten leichter Dinge kommunizieren und der kurz nach dem Blog eingerichtete Shop für bundesweit, entwickelte sich schnell und prächtig. Twitter macht einen Riesenspaß und Facebook mußte irgendwann auch sein und diese Kanäle sorgen für immer mehr Bekanntheit und nachhaltiges Wachstum. Aber die Lehre oder das Besondere, was ich aus diesen Kanälen oder besser gesagt VON EUCH zog, ist etwas ganz anderes. Und das ist auch für mich persönlich extrem wichtig: Durch den Dialog mit Euch über diese Kanäle durfte ich lernen, daß es in Ordnung ist, wie ich bin, denke und handle. Das mag bescheuert klingen, aber ich gehör(t)e zu den Menschen, die sich ziemlich leicht beeinflußen lassen im geschäftlichen Bereich. Immer dann, wenn ich zu viel Respekt vor anderen Unternehmern oder irgendwelchen Beratern hatte, die im Gegensatz zu mir schon viel geleistet hatten. Vielleicht liegt das auch daran, daß ich nur eine ganz normale kaufmännische Ausbildung hatte und nur zwei Semester Betriebswirtschaft abends, bis ich schwanger wurde und nicht den typischen Werdegang hatte.
Aber diese Menschen sagten mir, daß ich nicht über Probleme oder Fehler schreiben darf im Blog, sondern das Unternehmen immer nur in den schillerndsten Farben darstellen muß. Sie sagten mir, daß ich nicht mit Journalisten sprechen darf, als ob es ganz normale Menschen seien, sondern daß ich vorallem meine Botschaften rüberbringen muß (diesen Punkt sollte ich scheinbar nochmal überdenken), die ich später lesen will. Sie sagten auch, daß ich schon vor einem Termin mit einem potentiellen Kunden genau wissen muß, was ich sage, ohne daß ich diesen Menschen vorher gesehen habe und weiß, wie und wer er eigentlich ist. Sie meinten, daß es egal ist, ob in der Zeitung Unwahrheiten stehen, solange es den Verkauf ankurbelt. Daß ich als Chefin im Kostümchen in die Firma kommen muß, um Respekt von meinen Mitarbeitern zu bekommen, obwohl ich so was total unbequem finde und mich mehr als unwohl darin fühle. Daß der Zweck alle Mittel heiligt, wenn es um Geld verdienen geht. Diese Liste ließe sich unendlich fortführen. Bis zu einem gewissen Zeitpunkt glaubte ich auch, daß ich so werden MUSS, weil viele Unternehmer ja so sind. Das gefiel mir überhaupt nicht und ich hatte Angst davor, mich die ganze Zeit verstellen und wider meine Natur handeln zu müssen. ABER DANN kamt Ihr!
Ihr ward diejenigen, die mir die ganze Zeit signalisierten, daß sie es gerade gut finden, daß ich offen kommuniziere, weil es ganz normal ist, daß wo Menschen am Werk sind, nicht alles immer 100 %ig laufen kann. Ihr fandet es nie komisch, daß ich Euch an meinem Tag teilhaben lasse – der mal so und mal so laufen kann und manchmal bzw. öfters mal nichts mit Saft zu tun hat. Ihr seid es gewesen, die sich gleich beschwert haben, als am Anfang des Saftblogs mal mehrere PR-Sülz-Artikel hintereinander erschienen, die ich auch nicht gut fand. Ihr habt dafür gesorgt, daß ich nach der Abmahnung vom DOSB wegen… (Ich trau mir immer noch nicht das Wort wieder zu schreiben) weiterbloggte und mit einem blauen Auge davon kam. Noch nie hat mich jemand von Euch in Frage gestellt, wegen der Dinge, die ich über den Tag so von mir gebe oder was ich anhabe bei einem Twittertreffen. Ihr bestraft mich nicht für Ehrlichkeit. Ganz im Gegenteil: Ihr macht meine Tage besser, als sie sind. Ihr seid diejenigen, die unsere Produkte verkaufen, weil Ihr uns so oft und so gerne weiterempfehlt. Das ist für mich Social-Media, wenn man dem Ding schon einen Namen geben muß. Für mich ist das nichts anderes als Dialog mit Euch, ganz egal wo, wie und worüber. Und durch diese Erfahrungen, halte ich inzwischen Vorträge über so was – weils gewünscht wird. Das muß man sich mal vorstellen!
Ich!? Und dabei mache ich nichts anderes, als völlig normal zu sein. Mich zum Glück nicht (mehr) verstellen zu müssen, weil ich dachte das muß so sein. In diesen Vorträgen geht es inzwischen nicht mehr hauptsächlich darum, wie ein Blog funktioniert oder ein Twitteraccount, sondern darum, daß dort Menschen sind auf der anderen Seite, echte und normale Menschen. Und daß deswegen auch genau die gleichen Regeln gelten, wie sie schon immer gegolten haben, wenn Menschen miteinander reden oder kommunizieren. Und darum, daß man Vertrauen nicht erhält, indem man den ganzen Tag auf allen Kanälen rumposaunt, wie supermegatoll man ist und was für noch supermegatollere Produkte man anbietet. Und ich bin sooo glücklich, daß ich das nicht muß, sondern daß scheinbar genau das Gegenteil funktioniert. Denn ich mag es nicht mich oder unsere Produkte “zu verkaufen”.
Und das Gute ist: Durch diese Erfahrungen in den Onlinekanälen, konnte ich das auch auf das “normale” Geschäftsleben umlegen oder umsetzen und bin viel sicherer geworden und komischerweise auch da erfolgreicher und vorallem viel entspannter. Dafür bin ich Euch extrem dankbar. Denn ohne diese positiven Erfahrungen hätte ich vielleicht schon hingeschmissen, weil es manchmal wirklich nicht einfach ist, diese große Verantwortung zu tragen bzw. als unnatürliches Unternehmerkonstrukt wahrgenommen zu werden und nicht als normaler Mensch. Und daß es ok ist, völlig andere Wege zu gehen, als die herkömmlichen.
Und als Nebeneffekt zu diesem Haupteffekt noch mehr Saft verkaufen zu können, ist natürlich obergenial!
So… Danke für Eure Geduld bis hierhin. Also es ging mir mit diesem Blogpost in erster Linie darum, daß klar gestellt wird, daß es nicht unsere Social-Media-Aktivitäten waren, die uns vor der Insolvenz retteten, sondern wie beschrieben. Und im aktuellen Fall, den Ihr eventuell lesen werdet, war es zum Teil meine eigene Schuld. Denn die Redakteurin hatte im Vorfeld eine Art PR-Text bekommen, in dem ich falsch zitiert worden bin (“Das Internet hat mein Unternehmen gerettet.”), den ich nicht verfasst, aber leider auch nie genau durchgelesen habe, sonst hätte sie ihn nicht bekommen. Und das ist die einzige plausible Erklärung für mich, wie es zu dieser Überschrift kommen konnte. Mehr möchte ich dazu jetzt nicht sagen, weil wie weiter oben schon beschrieben – wir Menschen sind das fehlbarste, was so rumläuft auf diesem Planeten und nun ist es halt passiert und lässt sich auf Papier schlecht ändern. Nur im Internet verbreitet sich alles so schnell und ist “bleibend”, deswegen hier im Saftblog die Fakten zum Thema. Außerdem möchte ich vermeiden, daß bei Firmen oder Leuten, die über Social Media nachdenken mit solchen Schlagzeilen Hoffnungen geschürt werden, die eventuell gar nicht da sind.
Ach so, oben hatte ich ja die Frage hingeschrieben: Wie kommt es zu solchen Falschmeldungen? Tja in diesem Fall wie erklärt. Früher vielleicht auch durch Mißverständnisse und zu lange Interviews (ich rede noch wirrer als ich schreibe), manchmal vielleicht auch ein bißchen dadurch, daß Überschriften zu viel Bedeutung beigemessen wird. Oder dadurch, daß solche Informationen im Internet zu finden waren, die ich zwar immer versucht hab in den Kommentaren richtig zu stellen, aber ob das gelesen wird ist ne andere Frage. Irgendwie so. Aber ich hoffe, das gehört jetzt der Vergangenheit an, weil schwarz auf weiß. Und noch ein Hinweis: Es ist nicht üblich, daß man Artikel vorher zum Lesen bekommt, nachdem man ein Gespräch mit einem Journalisten hatte. Maximal werden Zitate abgestimmt – aber auch das nicht immer. Also ist es letztendlich immer eine Überraschung, was man dann in so einem Artikel liest.
PS: Danke an Andrea für die irgendwie sehr passende Idee mit der Überschrift. Mir ist nämlich keine eingefallen.